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Halten unsere Ärzt*innen der Belastung stand?
Die Lehren aus der Pandemie: Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, im Talk.

Der Präsident der Österreichischen Ärztekammer ist seit Beginn der Pandemie im Dauereinsatz: Für seine Kolleg*innen, und damit auch für unser gesamtes Gesundheitssystem.

Das Büro in der Wiener Innenstadt ist für Thomas Szekeres Arbeitsplatz, Anlaufstelle und Ausgangspunkt für seine unzähligen Termine bei den Entscheidungsträgern des Landes. Nie zuvor war die Meinung des Gesundheitsexperten so wesentlich für den Alltag der Bevölkerung. Eine Tatsache, die es auch mitbringt, dass der Humangenetiker und Facharzt für klinische Chemie und Labordiagnostik immer wieder zur Zielscheibe von aggressiven Impf-Gegner*innen wird. Er nimmt die Angriffe gelassen, setzt weiterhin auf klare Kommunikation und Information statt platter Polarisierung. Im Interview verrät er viel über die Zukunft des Gesundheitssystems und auch über die Stimmung in der Ärzteschaft.

 

Die Pandemie hat vieles auf die Probe gestellt: Die Gesellschaft als solches mit den Komponenten Zusammenhalt und Solidarität, aber natürlich auch, und vor allem, das Gesundheitswesen. Kann man jetzt zumindest hoffen, dass es ein Wachrütteln war und mehr Wertschätzung entgegengebracht wird?
Das hoffen wir alle natürlich sehr. Das österreichische Gesundheitssystem ist ein gutes, und es hat sich auch in der Pandemie sehr bewährt. Aber es wurden auch Defizite offengelegt. Die Lehre sollte sein, dass man hier nicht einsparen kann und nicht einsparen soll. Sonst gelingt es einfach nicht, solche Herausforderungen zu meistern. Wir geben in Österreich 10,3 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt für Gesundheit aus. Diese Ausgaben sind jedoch an das Bruttoinlandsprodukt gekoppelt. Gerade in Zeiten einer Pandemie geht aber die Wirtschaftsleistung zurück. Daher muss man diese Koppelung aufheben und auch dafür sorgen, dass die Sozialversicherung entsprechend finanziell gut gestellt wird. Nur so kann die optimale Versorgung im niedergelassenen Bereich und auch in den Spitäler gewährleistet werden. Diese Aufstockung macht auch deshalb Sinn, weil die Menschen immer älter und kränker werden.

 

Das System konnte im Stresstest der Pandemie bisher gerade noch bestehen. Gab es aber einen Punkt, an dem Sie dachten, jetzt steht das System auf der Kippe?
Es gab immer wieder sehr schwierige Situationen, insbesondere auf den Intensivstationen. Die Kapazitätsgrenzen werden nämlich sehr leicht, sehr schnell erreicht. Bereits unter normalen Bedingungen sind die Intensivstationen voll. Wenn dann Plätze für Covid-Patient*innen reserviert werden müssen, kommt es, so weit wie irgendmöglich, zur Verschiebung von geplanten Operationen. Für Unfälle und Notfälle muss natürlich auch noch ein gewisser Platz bleiben. Das war und ist die große Herausforderung in dieser Zeit. Trotzdem muss man betonen, dass sowohl die niedergelassenen Kassenärzt*innen als auch die Spitäler immer offen hatten und immer die Patient*innen versorgt haben. Ein Problem dabei war jedoch die Angst der Patient*innen, zum*zur Arzt*Ärztin zu gehen. Es hat sicher dazu geführt, dass bei manchen Patient*innen Krankheiten erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert werden konnten.

„Ich bin dafür, dass im Gesundheitsbereich nur geimpftes Personal eingesetzt wird."

Nicht die fehlenden Betten, sondern zu wenig Personal stellt das Hauptproblem bei der Versorgung dar. Wird uns diese Problematik weiterhin beschäftigen?
Ich fürchte, es könnte kurz- bis mittelfristig sogar etwas schwieriger werden, weil es im Gesundheitsbereich doch einige Menschen gibt, die sich nicht impfen lassen wollen. Dafür habe ich kein Verständnis. Ich bin dafür, dass nur geimpftes Personal eingesetzt wird, einfach, damit man die Patient*innen nicht gefährdet. Wir haben viele immun-geschwächte Patient*innen, bei denen eine Infektion weitreichende Konsequenzen hätte. Im Prinzip gilt ähnliches für die Schulen: Vor allem dort, wo Kinder unter zwölf Jahren, die nicht geimpft werden können, sich leicht anstecken und die Krankheit in ihre Familien tragen, sollte Lehrpersonal unbedingt geimpft sein.

 

Kommen wir zurück zum Thema Wertschätzung. Die Ärztekammer hat eine Studie veröffentlicht, wonach sich Spitalsärzt*innen vor allem darüber beschweren, dass die Arbeitssituation zu belastend ist, die Bezahlung unzulänglich und auch die Dienstzeiten nicht verträglich sind. Führt dies dazu, dass sich noch mehr Ärzt*innen lieber einen Job im Ausland suchen?
Wir haben noch immer hervorragendes Personal in den Spitälern, aber wir müssen unbedingt darauf achten, dass die Rahmenbedingungen dem internationalen Vergleich standhalten. Derzeit gehen von zehn Absolvent*innen des Medizinstudiums vier ins Ausland. Es ist also notwendig und sinnvoll, dass man die Bedingungen in Österreich an jene in der Schweiz oder in Deutschland anpasst. Beide Länder suchen verzweifelt nach Ärzt*innen. Gehalt und Arbeitszeiten sind natürlich wichtige Argumente. Wobei es in Österreich bereits zu empfindlichen Gehaltserhöhungen gekommen ist. Aber trotzdem muss die Situation in Österreich so werden, dass die Absolvent*innen gar nicht weggehen und die, die weggegangen sind, gerne wieder zurückkommen.

 

 

Bedarf besteht auch an Allgemeinmediziner*innen. Nun wird diskutiert, ob diese Allgemeinmediziner*innen Fachärzt*innen werden sollen. Glauben Sie, das wäre ausreichend Anreiz, um diese Ausbildung zu forcieren?
Der Facharzt für Allgemeinmedizin soll eingeführt werden. Das geht einher mit einer etwas verlängerten Ausbildung und mit einem Angleichen der Honorare an jenes für Fachärzt*innen übliche. Es gibt darüber hinaus weitere Anreize: 95 Prozent der Patient*innen schätzen den*die Allgemeinmediziner*in maximal. Er*sie ist ein*e Begleiter*in über Jahrzehnte, und zwar von ganzen Familien. Das müsste man den Jungen entsprechend vermitteln und näherbringen. Zudem sind viele junge Absolvent*innen Frauen. Hier muss es die Möglichkeit geben, aus der Funktion der Kassenärztin heraus in Karenz zu gehen. Es soll zudem großzügigere und einfachere Möglichkeiten bei der Zusammenarbeit von mehreren Ärzt*innen geben. Was es jetzt gibt, ist die Anstellung von Arzt zu Arzt. Das heißt, wenn jemand keine Ordination betreiben möchte, aber gerne dort arbeitet, dann hat er jetzt schon die Möglichkeit, sich anstellen zu lassen. Man muss sich dann nicht um die Organisation des Personal oder der Einrichtung kümmern und kann sich auf die Behandlung von Patient*innen fokussieren. Ich glaube, es wird uns gelingen, diese Möglichkeiten so attraktiv zu gestalten, dass wir ausreichend Bewerber*innen haben. Aber ja, derzeit gibt es Engpässe in einzelnen Fächern in der Allgemeinmedizin.

„Die Stimmung? Nach dieser langen Pandemiezeit ist eine Erschöpfung bemerkbar."

Könnten die Subventionen für die Anschaffungskosten einer neuen Ordination erhöht werden?
In Wien bekommt man derzeit ungefähr  50.000 Euro, wenn man zum Beispiel in Favoriten eine Ordination eröffnen möchte. Der Betrag ist deshalb relativ hoch, weil man sich schwertut, Nachfolger*innen und Bewerber*innen zu finden. Auch in ländliche Gegenden, zum Beispiel ins Waldviertel, wollen nicht alle, da ein solcher Umzug auch die Angehörigen und ihre Jobs, sowie die schulpflichtigen Kinder betrifft. Da ist einiges an Organisation mitzudenken. Doch mit einer gewissen Unterstützung, würden sich viele leichter tun. Dann wäre es hilfreich, wenn alle Ärzt*innen eine Hausapotheke führen dürften. Das wäre auch im Interesse der Patient*innen, wenn sie sich den Weg in die Apotheke sparen.

 

Wie würden Sie die Stimmung in der Ärzteschaft nach bald zwei Jahre Pandemie allgemein beschreiben?
Ich sage mal so: Nach dieser langen Zeit ist eine Erschöpfung bemerkbar. Die Ärzt*innen sind natürlich extrem belastet. Ich möchte mich bei der Gelegenheit auch für die teilweise übermenschlichen Leistungen, die erbracht wurden, bedanken. Und zwar betrifft das sowohl den niedergelassenen Bereich, in erster Linie Kassenärzt*innen, die bis zur Leistungsgrenze gearbeitet haben, und auch im ersten Lockdown nicht geschlossen hatten, als auch die Spitalsärzt*innen. Wir wissen, dass über 90 Prozent der Kassenärzt*innen für ihre Patient*innen bei widrigen Bedingungen offen hielten. Das kann man aufgrund der E-Card-Nutzung genau nachvollziehen. Ähnlich war die Situation in den Spitälern. Da gibt es viele Kolleg*innen, die auf Covid-Abteilungen oder Intensivstationen arbeiten und seit mittlerweile zwei Jahren einer Dauerbelastung ausgesetzt sind.

 

Italien musste sehr viele Todesfälle von Ärzt*innen aufgrund von Covid-Erkrankungen beklagen. Wie war die Situation hier in Österreich?
Es hat leider einzelne Todesfälle gegeben, aber im Vergleich zu Italien nur sehr wenige. Wir haben sehr früh darauf geschaut, dass man die Kolleg*innen schützt. Am Anfang gab es fast kein Schutzmaterial. Relativ bald konnten wir zu horrenden Preisen Schutzmaterial kaufen. In Wien hat es eine sehr gute Kooperation mit der Stadt gegeben, beziehungsweise bundesweit hat man versucht, rasch Schutzmaterial einzukaufen. Die Ordinationen wurden umgebaut und Plastik-Trennwände eingeführt. Die Masken haben zusätzlich geholfen, Infektionen hintanzuhalten. Ich muss mich auch bei der Stadt Wien und dem Stadtrat bedanken, dass Ärzt*innen so schnell geimpft wurden. Am Anfang hatten wir ja aus unterschiedlichen Gründen zu wenig Impfstoff. Das war eigentlich ein Versagen der EU. Jetzt haben wir ausreichend Impfstoff, aber leider immer noch Menschen, die ihn nicht in Anspruch nehmen wollen. Ich habe 20-jährige mit Long-Covid gesehen, es gibt 30-Jährige, die eine Lungentransplantation benötigt haben, und ich kann nur raten: Bitte geht impfen, diese Krankheit ist heimtückisch.

 

 www.aerztekammer.at

 

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Klinikguide.at-Autorin: Nadja Weiss