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Optimale Bedingungen für jede Operation
Worauf Ärzt*innen bei Narkose, Blutungs- und Thromboserisiko achten

Univ.-Prof.in Dr.in Barbara Sinner, MBA, DEAA, ist Direktorin der Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin der Tirol Kliniken.

Jeder Eingriff am menschlichen Körper bringt naturgemäß Risiken mit sich – diese versuchen Ärzt*innen vor, während und nach der Operation allerdings weitestgehend zu reduzieren. Wichtige Faktoren sind z. B. die Wahl der Art der Narkose (Anästhesie) sowie das Vermeiden bzw. Behandeln von Blutungen bzw. Blutgerinnseln.

 

Prim. Univ.-Doz. Dr. Harald Schennach arbeitet am Zentralinstitut für Bluttransfusion und Immunologische Abteilung (ZIB) der Tirol Kliniken.

Die passende Anästhesieform wählen

„Es gibt viele Gründe dafür, dass ein/e Patient*in eine Anästhesie benötigt. Dies kann ein operativer Eingriff, eine Intervention oder auch nur ein diagnostisches Verfahren wie eine MRT-Untersuchung sein“, erläutert Univ.-Prof.in Dr.in Barbara Sinner, MBA, DEAA, Direktorin der Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin der Tirol Kliniken. Eine Anästhesie besteht im Regelfall aus drei Hauptkomponenten:

 

Hypnose: Ausschaltung des Bewusstseins durch Schlafmittel (Hypnotika),
Analgesie: Schmerzstillung durch Schmerzmittel (Analgetika),
Muskelrelaxierung: Entspannung bzw. Erschlaffung der Muskulatur durch Muskelrelaxantien.

Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr. Clemens Feistritzer arbeitet in der Abteilung für Innere Medizin V – Hämatologie und Onkologie der Tirol Kliniken.

Man kann bei der Anästhesie zudem drei Formen unterscheiden:

 

Vollnarkose (Allgemeinanästhesie): Ausschaltung des Bewusstseins, Linderung der Schmerzen, Herabsetzung der Muskelspannung.
Teilnarkose (Regionalanästhesie): Minderung von Schmerzempfindung und Muskelspannung in bestimmten Körperregionen, z. B. im Rahmen der Periduralanästhesie oder Spinalanästhesie. Beides sind Verfahren, bei denen die Nerven im Bereich des Rückenmarks blockiert werden. Für Operationen an den Extremitäten reichen in der Regel periphere Regionalanästhesieverfahren aus, wie die Blockade eines Nervenbündels im Bereich der Achselhöhle für eine Operation am Unterarm.
Örtliche Narkose (Lokalanästhesie): Ausschaltung des Schmerzempfindens in einem kleinen Bereich, z. B. bei zahn- oder hautärztlichen Eingriffen.

Welche Anästhetika zum Einsatz kommen

Anästhetika unterscheiden sich in ihrer Wirkstärke und -dauer. In der Regel wird für die Einleitung einer Anästhesie zunächst ein potentes Schmerzmittel aus der Klasse der Opioide, dann ein Hypnotikum und – wenn der/die Patient*in intubiert wird – auch ein Muskelrelaxans verabreicht. Die Aufrechterhaltung der Anästhesie kann mit einem volatilen Anästhetikum erfolgen. „Volatile Anästhetika sind leicht flüchtig und werden mittels Verdunster, auch Vapor genannt, appliziert. Sie werden über die Beatmung verabreicht, über die Lungen aufgenommen und mit dem Blut zum Gehirn, ihrem hauptsächlichen Wirkort, transportiert“, sagt Prof.in Sinner. Alternativ kann die Anästhesie auch mit einem intravenösen Anästhetikum aufrechterhalten werden. Die Vitalfunktionen werden während der Verabreichung dieser Medikamente genau überwacht und auch die Tiefe der Narkose.

 

Wann Blutkonserven eingesetzt werden

Bei starkem Blutverlust während einer Operation kann es sein, dass Blutkonserven benötigt werden. Dabei setzt man Blutkomponenten ein – v. a. rote Blutkörperchen (Erythrozytenkonzentrate) und Blutplättchen (Thrombozytenkonzentrate). „Erythrozytenkonzentrate werden v. a. bei Blutungen verabreicht, um eine schwere Anämie und die daraus resultierende Sauerstoff-Unterversorgung des Gewebes zu verhindern“, berichtet Prim. Univ.-Doz. Dr. Harald Schennach vom Zentralinstitut für Bluttransfusion und Immunologische Abteilung (ZIB) der Tirol Kliniken. Der Zielwert bei einer Blutung liegt bei Hämoglobinwerten zwischen 70 und 90 g/l, bei nicht blutenden Patient*innen ist der Schwellenwert bei 70 g/l angesiedelt. Hämoglobin stellt jenen Bestandteil der Erythrozyten dar, an welchen der Sauerstoff bindet. „Thrombozytenkonzentrate kommen bei Patient*innen zur Blutstillung – oft in Kombination mit Gerinnungsfaktor-Medikamenten – zum Einsatz“, ergänzt Prim. Schennach.

 

Blut-Management und -Sicherheit

Es gibt aber vor geplanten Operationen auch Möglichkeiten, eine intraoperative Transfusion zu vermeiden, wie Prim. Schennach erläutert. Das „blutsparende“ Verhalten rund um eine Operation wird als „Patient Blood Management“ bezeichnet. „Dabei wird z. B. eine schon vorliegende Anämie rechtzeitig mit Eisen- oder Vitamin-B12-Präparaten korrigiert. Während der OP können v. a. durch exakte Blutstillung und durch Auffangen und Rücktransfusion von Wundblut Fremdbluttransfusionen vermieden werden“, so der Experte.
Allerdings brauche man sich auch vor Fremdbluttransfusionen nicht zu fürchten: „Blutkomponenten sind heutzutage sehr sicher. Unerwünschte Wirkungen sind sehr selten und eher leicht“, beruhigt Prim. Schennach. Infektionsübertragungen seien durch eine genaue Spender*innenbefragung und -testung ebenso weitgehend ausgeschlossen.

 

Thromboembolie- und Blutungsrisiko abklären

Vor einer Operation müssen außerdem die Risiken in Bezug auf die Bildung von Gerinnseln (Thromben), die durch Verschleppung zu weiteren Gefäßverschlüssen (Embolien) führen können, gegenüber den Risiken einer Blutung abgewogen werden. Das betrifft insbesondere Patient*innen, die unter einer medikamentösen Therapie mit Antikoagulantien oder Plättchenaggregationshemmern – umgangssprachlich oft Blutverdünnung genannt – stehen.
Die Patient*innen können bezüglich ihres Risikos für Thromboembolien in zwei Gruppen eingeteilt werden, außerdem können auch die verschiedenen Interventionen in Eingriffe mit niedrigem, intermediärem und hohem Blutungsrisiko eingeteilt werden. „Bei Eingriffen mit niedrigem Blutungsrisiko ist generell eine Pause der Antikoagulation oder Plättchenaggregationshemmung nicht notwendig“, so Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr. Clemens Feistritzer, Abteilung für Innere Medizin V – Hämatologie und Onkologie der Tirol Kliniken. Und ergänzt: „Hingegen muss bei Operationen mit intermediärem oder hohem Risiko die gerinnungshemmende Medikation entsprechend des individuellen thromboembolischen Risikos angepasst werden.“

 

Überbrückung mit niedermolekularem Heparin

Gewisse Medikamente, etwa der Wirkstoff Acetylsalicylsäure, müssen auch bei Patient*innen mit hohem thromboembolischen Risiko bei Eingriffen mit hohem Blutungsrisiko nicht abgesetzt werden. Anders verhält es sich, wenn Patient*innen mit Vitamin-K-Antagonisten behandelt werden. Dann ist in einer solchen Hochrisiko-Konstellation eine Überbrückung, ein „Bridging“, mit einem niedermolekularen Heparin notwendig, das in Form von Spritzen verabreicht wird.
„Bei Antikoagulation mit einem direkten oralen Antikoagulans (DOAC) wie Rivaroxaban, Dabigatran, Apixaban oder Edoxaban ist ein Bridging mit einem niedermolekularen Heparin nicht notwendig und wird in Richtlinien nicht empfohlen. Es ist lediglich eine ausreichende Therapiepause in Abhängigkeit des verwendeten Antikoagulans bzw. der Nierenfunktion sicherzustellen“, erläutert Prof. Feistritzer. Die DOAC-Therapie solle frühestens drei Tage nach der Operation wieder begonnen werden.

 

Begleitmedikamente unbedingt angeben

„Um das interventionelle Blutungsrisiko weiter zu reduzieren, muss rechtzeitig präoperativ neben der antithrombotischen Therapie auch die Begleitmedikation erhoben werden. Neben einer Schmerzmedikation mit nicht-steroidalen Antirheumatika kommt es auch durch die Einnahme gewisser psychiatrischer Medikamente, wie Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, zu einer Hemmung der Thrombozytenfunktion mit erhöhtem Blutungsrisiko“, macht der Experte aufmerksam. „Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Planung über das Vorgehen im Rahmen von Interventionen rechtzeitig durchgeführt wird.“

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Klinikguide-Autorin: Mag.a Marie-Therese Fleischer