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Müder Arbeiter streckt den Rücken durch
Wie verhindert man Rückenschmerzen?
Rheumaspezialist Dr. Burkhard Leeb weiß, was uns den Rücken stärkt.
Leeb, Prim. Dr. Burkhard

Dr. Burkhard Leeb, Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie

Rheumaspezialist Priv. Doz. Dr. Burkhard Leeb im Gespräch über Rückenschmerzen und wie man sie verhindern kann, gesellschaftliche Verantwortung und eine notwendige Neugestaltung der Arbeitswelt.

 

Rund zwei Millionen Menschen in Österreich leiden regelmäßig unter Rückenschmerzen – warum ist dieses Krankheitsbild so häufig?
Wir sitzen zu viel. Das beginnt schon bei den Kindern. Ich plädiere sehr für die tägliche Turnstunde, um diesem „Dauersitzen“ entgegenzuwirken. Schon kleine Bewegungen im Alltag können helfen: Ab und zu vom PC aufstehen und sich durchstrecken. Eine Runde durchs Zimmer gehen. Ich rede hier nicht von Leistungssport – lediglich von ausreichend Bewegung. Ich glaube aber auch, dass der gesellschaftliche Druck, unter dem wir zunehmend stehen, sich bei vielen Menschen schmerzlich im Rücken manifestiert. Nicht umsonst sprechen wir davon, dass uns „etwas im Nacken sitzt“ oder wir „eine Last zu tragen haben“. Hier gilt es auch, gesellschaftliche Veränderungen anzudenken, um diese gefühlte Last zu erleichtern.

 

Woran denken Sie dabei?
Zuallererst gehört dazu ein vernünftiger Umgang mit Fernseher, PC und Spielekonsole. Das Dasein als Couchpotato führt fast zwangsläufig zu Rückenproblemen. Es macht auch Sinn, die eigenen Kinder nicht überall bis vor die Tür zu fahren – zu Fuß gehen ist sehr gesund – und das gilt selbstverständlich nicht nur für Kinder. Es bedeutet aber auch mehr Rücksicht der Gesellschaft auf den Einzelnen. Wir müssen wieder zu einem behutsameren Umgang miteinander finden, die Stärken und Schwächen der Einzelnen zu respektieren.

 

„Ich möchte hier einen neuen Begriff einführen: die Teilarbeitsfähigkeit“.

 

Sie plädieren auch für eine neue Definition von Arbeitsfähigkeit – was meinen Sie damit?
Zurzeit gibt es in Österreich nur zwei Möglichkeiten: Entweder man ist arbeitsfähig, oder man ist es nicht. Und das bildet die Realität schon längst nicht mehr ab. Es gibt Menschen, die aufgrund einer Erkrankung beeinträchtigt sind und möglicherweise nicht mehr acht Stunden pro Tag arbeiten können – aber vier. Andere können vielleicht nicht mehr Mauern aufbauen, aber auf andere Weise produktiv sein. Oder zum Beispiel im Pflegebereich, es macht schon einen großen Unterschied, ob ich am Bett arbeite oder vor allem Dienstpläne kontrolliere. Ich möchte hier einen neuen Begriff einführen: die Teilarbeitsfähigkeit. Es ist oft kontraproduktiv, eine Patientin einfach krank zu schreiben, die eben nur bestimmte Arbeiten nicht mehr erledigen kann, andere aber schon. Wir könnten die Krankenstandstage radikal reduzieren, indem wir neue Modelle erarbeiten, mit denen auch chronisch kranken Menschen die Möglichkeit der Produktivität geboten wird. Wir alle wissen, dass Arbeitsfähigkeit wichtig für das Selbstwertgefühl ist und damit auch für die persönliche Bewältigung einer chronischen Erkrankung. Deshalb fordere ich hier ein Umdenken – weg von der pauschalen Krankschreibung, hin zur Bescheinigung der „Teilarbeitsfähigkeit“. Das würde auch Kosten sparen. Chronisch kranke Menschen, die nicht arbeiten, kosten die Gesellschaft viel Geld. Chronisch kranke Menschen, denen dabei geholfen wird, ihre Fähigkeiten produktiv einzusetzen, bringen nicht nur Leistung, sondern geben damit der Gesellschaft auch materiell etwas zurück.

 

Sehen Sie Ansätze für diese notwendigen Veränderungen?
Ich sehe solche Ansätze, wie etwa die Aktion „fit2work“. Aber das ist noch viel zu wenig. Wir können heute mit wirksamen Medikamenten viel für unsere chronisch kranken Patienten tun – aber hier ist eben auch die Gesellschaft gefordert.

 

Priv. Doz. Dr. Burkhard Leeb ist Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie in Hollabrunn. www.leeb-rheuma.at

 

 

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