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Wie digital ist unser Gesundheitssystem?
Klartext gesprochen: Komplexitätsforscher Stefan Thurner über den Unwillen, Daten zu teilen.

Digitalisierung ist ein großes Thema in der Gesundheitsvorsorge. Der Physiker und Komplexitätsforscher Stefan Thurner erzählt im Interview, welche Hürden diesbezüglich in Österreich noch zu nehmen sind.

 

Sie setzen sich für die Schaffung einer unabhängigen nationalen Medizindatenstelle ein. Warum?
Wie die Corona-Krise gezeigt hat, laufen wir im öffentlichen Gesundheitswesen in Sachen Digitalisierung Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Länder wie Neuseeland oder viele ostasiatische Staaten, die es geschafft haben, eine No-Covid-Strategie zu fahren, sind völlig anders aufgestellt. Das wäre hierzulande undenkbar. Aber auch europäische Staaten wie Frankreich, Belgien oder die skandinavischen Länder sind diesbezüglich innovativer.

 

Woran scheitert es?
In Österreich haben wir im Gesundheitssystem mehrere große Player, die über Daten verfügen, aber keinen Vorteil darin sehen, diese zu teilen oder gemeinsam zu nutzen. Das ist seit Jahrzehnten ein Problem. Die einen haben Daten über die niedergelassenen Ärzt*innen, die anderen über Krankenhäuser oder über das Infektionsgeschehen in der Pandemie. Das Geburtenregister ist woanders als das Sterberegister oder das Blutregister.

 

„Das sind Eigeninteressen, die verhindern, dass Daten für das Gemeinwohl genutzt werden können”.

 

Es fehlt also der Wille zur Vernetzung?
Das ist sehr freundlich ausgedrückt. Ich glaube, es geht um eine massive Verteidigung der Datensätze. Das sind Eigeninteressen, die verhindern, dass Daten für das Gemeinwohl genutzt werden können.

 

Wie wirkt sich das konkret aus?
Viele Fragen sind für uns dann einfach nicht zu klären: Wie viele Personen liegen auf einer Intensivstation und sind geimpft? Wie viele Leute sterben und sind geimpft? Wie viele Lehrer*innen oder Krankenpfleger*innen sind geimpft? All das kann man in Österreich nicht beantworten.

 

Dadurch ist es aber auch schwierig, Prognosen zu treffen.
Absolut. Wir haben ein Problem mit der sogenannten Übermedikation, es werden Medikamente verschrieben, die nicht wirken. Wenn wir den Medikamentenkonsum nicht zusammenzuführen mit Verläufen von Krankheitsdaten, kann man nicht erkennen, was bei wem wirkt und was nicht. Die nötigen Daten würden anonym verwendet, es geht nicht darum, eine reale Person zu identifizieren, aber ich muss Krankheitspfade über einen längeren Zeitraum studieren können, um Muster zu erkennen. Auch um Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten zu beobachten.

„Wir fahren zum vierten Mal datenmäßig unvorbereitet in eine Corona-Welle."

Wie sieht es mit Datenschutzbedenken aus?
Wir schlagen eine Medizindatenbank vor, die technisch auf dem letzten Stand und sicher ist. Gerade weil diese medizinischen Daten in Österreich verstreut sind, besteht eine riesige Gefahr. Nicht alle haben die nötige Infrastruktur, ihre Daten entsprechend zu schützen. Das beweist der aktuelle Datenskandal in Tirol: Daten von jedem Tiroler und jeder Tirolerin, die getestet wurden, sind in Umlauf gebracht worden, mit Testergebnis und Namen. So etwas darf einfach nicht passieren.

 

Könnte man durch die Verknüpfung auch in der Prävention Fortschritte machen?
Das ist ein zentraler Punkt. Kann ich individuelle, anonymisierte Gesundheitsdaten zusammenzuführen, sehe ich Gruppen von Personen, denen es ähnlich geht. Wenn ich von Tausenden weiß, wie sich eine Krankheit entwickelt, dann kann ich bereits im Frühstadium Prognosen treffen. Und diese nutzen, um Verläufe vorherzusagen und frühzeitig zu behandeln.

 

Wie lange würde es dauern, eine Datenbank in Österreich aufzubauen?
Die Daten existieren ja, von der technischen Seite ist das keine aufwendige Angelegenheit – einige Monate bis zu einem Jahr. Es braucht dazu nur den politischen Willen. Gerade COVID-19 hat ein ziemliches Versagen in der Reformfreudigkeit gezeigt. Jetzt fahren wir zum vierten Mal datenmäßig unvorbereitet in eine Corona-Welle. Wir müssen noch immer auf Daten anderer Länder zurückgreifen, die ihre Hausübungen gemacht haben. Diese Daten lassen sich aber nur bedingt auf unsere Situation übertragen.

 

Welche Fragen sind – abgesehen von COVID-19 – noch ungeklärt?
Wir wissen nicht, ob Menschen, die am Bau arbeiten, mehr Hautkrebs haben oder Leute im Windkegel einer Müllverbrennungsanlage mehr Lungenkrebs bekommen. Oder: Wie planen wir heute ein finanzierbares digitales Gesundheitssystem für 2040? Die Gefahr ist, dass Österreich langfristig digital international nicht mehr mitspielen kann. Ein Teufelskreis beginnt: Man wird keine Forschungskräfte mehr ins Land holen können, unsere digitalen Talente wandern weiterhin ab. Damit perpetuiert man eine Situation, die nicht zukunftsgerichtet ist. Und das gefährdet das öffentliche Gesundheitssystem.

 

www.csh.ac.at

 

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Klinikguide.at-Autorin: Karin Cerny